Déjà-vu – das Gedächtnis der Märkte › Öl und Geopolitik

Ereignis 2019 4 Min. Lesezeit

Saudisches Öl erneut unter Beschuss. 2019 und 2026 – was ein Sprung um 15 % lehrt

Angriff auf Abqaiq und Churais, 14. September 2019 · engl. Abqaiq–Khurais attack

Am Samstag, dem 14. September 2019, trafen Drohnen und Raketen das saudische Abqaiq – eine zentrale Ölaufbereitungsanlage, über die damals rund die Hälfte der saudischen Förderung lief – sowie das Ölfeld Churais. Schlagartig fehlten dem Markt 5,7 Mio. Barrel pro Tag, rund 5 % des weltweiten Angebots. Am Montag schloss Brent fast 15 % höher, doch zwei Wochen später lag der Preis nur noch rund 1,6 USD über dem Niveau vor dem Angriff. Bei einem Angebotsschock zählt meist vor allem, wie lange der Ausfall dauert.

Auf einen Blick

Wann14.09.2019Samstag, frühmorgens; der Markt reagierte nach dem Wochenende
Ausgefallenes Öl5,7 Mio.Barrel pro Tag: mehr als die Hälfte des saudischen Öls, rund 5 % der Weltförderung
Brent, 16.09.+14,6 %von 60,22 auf 69,02 USD; größtes Plus im Tagesverlauf: +19,5 %
Preis wieder zurück nachrund 2 Wochenam 27.09. nur noch rund 1,6 USD über dem Niveau vor dem Angriff

Laut IEA (Internationale Energieagentur) war es der bis dahin größte einmalige Ausfall von Öllieferungen: 5,7 Mio. Barrel pro Tag gegenüber 5,6 Mio. während der Revolution im Iran 1979. Im Frühjahr 2026 brachte der Krieg mit dem Iran einen noch größeren, mit mehr als 12 Mio. Barrel pro Tag.

Ablauf

September und Oktober 2019

  • Angriff auf Abqaiq und ChuraisDie jemenitischen Huthi bekennen sich zu dem Angriff. Die USA und Saudi-Arabien beschuldigen den Iran, der dies bestreitet.
  • Trump: Öl aus der Reserve „falls nötig“Der US-Präsident kündigt an, bei Bedarf Öl aus der strategischen Reserve freizugeben.
  • Rekordsprung beim PreisZur Eröffnung verteuert sich Brent um bis zu 19,5 % auf 71,95 USD – der stärkste Anstieg innerhalb eines Tages seit dem Golfkrieg 1991. Der Tag endet bei 69,02 USD, 14,6 % über dem Freitag (60,22 USD).
  • Saudi-Arabien: volle Förderung bis Ende SeptemberDer Energieminister kündigt an, dass die Anlagen schnell wieder laufen werden, und Brent verbilligt sich um 6,5 % auf 64,55 USD.
  • Die Risikoprämie verschwindet fastBrent liegt nur noch rund 1,6 USD über dem Niveau vor dem Angriff.
  • Förderung wie vor dem AngriffAramco: Beide Anlagen laufen fast mit voller Kapazität, die Förderung liegt bei 9,9 Mio. Barrel pro Tag.

Im Chart

Brent Tag für Tag: 2.9.–⁠15.10.2019

58 62 66 70 60,22 Angriff 14.9. Rollover(Dezember-Kontrakt) Hoch 71,95 Volumen 2.9. 9.9. 16.9. 23.9. 30.9. 7.10. 14.10.

Brent-Rohöl (ICE-Futures), in USD pro Barrel: Jeder Balken ist ein Handelstag (Strich links = Eröffnung, rechts = Schluss), darunter das Volumen. Werte gerundet; im Text nennen wir die offiziellen Settlement-Preise. Ab dem 24.09. zeigt der Chart den Dezember-Kontrakt, der rund 1,5 USD günstiger war.

Was das lehrt

Bei einem Angebotsschock achte vor allem auf drei Dinge

  • Wie lange der Ausfall dauert. Der Markt preist meist zuerst das schlimmste Szenario ein und schaut dann auf die Fakten. 2019 dauerte der Ausfall nur wenige Wochen, deshalb gab der Preis den Anstieg schnell fast vollständig wieder ab.
  • Ob es Vorräte und andere Ölquellen gibt. Es zählen Lagerbestände, freie Förderkapazitäten in anderen Feldern und Ländern sowie strategische Reserven. Saudi-Arabien lieferte einige Wochen lang Öl aus Vorräten und aus anderen Feldern, die der Angriff nicht getroffen hatte.
  • Ob sich das Risiko wiederholt. Ein einmaliger Angriff ist etwas anderes als ein dauerhafter Konflikt. Bei einem dauerhaften Konflikt bleibt meist eine Risikoprämie im Preis.

Das Verhalten der Märkte in der Vergangenheit ist keine Garantie für ein ähnliches Verhalten in der Zukunft.

Damals und heute · Stand: 20.10.2026

Damals · September 2019 Ein Angriff, einige Wochen Ausfall

Dem Markt fehlten 5,7 Mio. Barrel pro Tag, doch Saudi-Arabien stellte die Förderung binnen weniger Wochen wieder her. Brent stieg von 60 auf 69 USD und war nach zwei Wochen fast wieder am Ausgangspunkt.

Heute · Oktober 2026 Die Angriffe gehen weiter – und treffen auch die Route, die Hormus umgeht

Die Huthi melden Angriffe auf saudische Ziele, darunter auf Aramco in Yanbu am Roten Meer (die saudischen Behörden haben sie nicht bestätigt). Über Yanbu fließt saudisches Öl, das die Straße von Hormus umgeht, wo der Krieg mit dem Iran die Schifffahrt behindert: Die Ost-West-Pipeline transportierte im Frühjahr bis zu 7 Mio. Barrel pro Tag dorthin. Nach vorläufigen Daten des Analysehauses Kpler vom 19.10. sanken die Ölströme aus dem Persischen Golf auf rund 8,5 Mio. Barrel pro Tag, nach mehr als 20 Mio. eine Woche zuvor. Brent kostet bereits rund 110 USD (19.10.).

Der Unterschied, auf den es zu achten lohnt: wie lange die Störungen dauern und ob Alternativen wie die Pipeline nach Yanbu und die strategischen Reserven greifen.

Geschichte muss sich nicht wiederholen: Sie ist eine Lektion, keine Prognose.

Teste dich

1. Um wie viel ungefähr hatte sich Brent zum Schluss des ersten Handelstags nach dem Angriff im September 2019 verteuert?

2. Was half dem Ölpreis 2019 am meisten, auf das Niveau vor dem Angriff zurückzukehren?

3. Nach einem Angriff auf eine wichtige Anlage verteuert sich Öl kräftig. Worauf schaut der Markt in den folgenden Tagen meist?

Beantworte die 3 Fragen.

Verwandte Karten

Zuletzt in unseren Überblicken

In anderen Sprachen

PLatak na Abqaiq i Churajs ENAbqaiq–Khurais attack FRattaque d’Abqaiq ESataque a Abqaiq ITattacco ad Abqaiq

Quellen

2019: Congressional Research Service (US-Kongress), „Attacks on Saudi Oil Facilities: Effects and Responses“; U.S. Energy Information Administration; Reuters; Bloomberg (via World Oil); Sprague Energy (Notierungen vom 17.09.2019); Erklärung von Donald Trump vom 15.09.2019. Heute: TND-Überblicke vom 5., 18. und 20.10.2026; Reuters und Kpler (19.10.2026); Al Arabiya (Ost-West-Pipeline, 28.03.2026).