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Der Dienstagmorgen begrüßt uns mit einem Markt, der sich im Würgegriff steigender Anleiherenditen, eskalierender Handelsspannungen und enormer Erwartungen an den Technologiesektor befindet. Die Interventionen der US-Regierung zur Beruhigung des Anleihemarktes zeigten nur einen sehr kurzzeitigen Effekt, und in Europa stellen sich die Anleger auf eine zunehmend falkenhafte (d. h. zinserhöhungsbereite) Zentralbank ein. Alle halten jedoch den Atem an vor zwei Schlüsselereignissen in der zweiten Wochenhälfte: den Quartalszahlen von Nvidia und der Rede des Fed-Vorsitzenden in Jackson Hole.
Geopolitisches Umfeld
- Ende des Handelswaffenstillstands zwischen den USA und Kanada. In den vergangenen Tagen berichteten wir über intensive Verhandlungen zwischen Washington und Ottawa, die Hoffnung auf eine Deeskalation machten. Leider scheiterten die Gespräche. Die Vereinigten Staaten führten 50-prozentige Zölle auf eine breite Liste kanadischer Waren ein (die ein jährliches Exportvolumen von ca. 20–30 Mrd. USD umfassen). Als Reaktion kündigte der kanadische Premierminister Mark Carney an, ab dem 8. September Vergeltungszölle im Verhältnis „Dollar für Dollar“ zu erheben, die unter anderem US-Stahl, Landmaschinen, Elektronik und Haushaltsgeräte treffen werden. (Quellen: Reuters; ABC News; NPR; Canadian Press).
- Die Sanktionsschlinge um den Iran zieht sich zu. Wie gestern angekündigt, hat US-Finanzminister Scott Bessent eine neue Welle der „schärfsten Sanktionen aller Zeiten“ gegen den Iran verhängt. Entscheidend ist, dass diese auch Sekundärsanktionen umfassen, was bedeutet, dass Akteure aus Drittstaaten bestraft werden, die in den Bereichen Energie, Schifffahrt, Finanzen oder Krypto mit Teheran kooperieren. Die Spannungen in der Region nehmen zu – Mitte August ereignete sich ein Vorfall in der Straße von Hormus, bei dem ein Handelsschiff von einem Projektil getroffen wurde, was den Maschinenraum beschädigte und Opfer forderte. Infolgedessen verharren die Ölpreise auf erhöhtem Niveau: Brent bei über 90 USD pro Barrel und die US-Sorte WTI im oberen 80er-Bereich. (Quellen: Al Jazeera; Reuters; UKMTO).
Die wichtigsten Themen heute
- Intervention des US-Finanzministeriums beruhigt den Anleihemarkt nicht. Um die Lage am Anleihemarkt zu stabilisieren, kündigte die US-Regierung an, das Volumen ihrer Anleiherückkaufprogramme (sogenannte Buybacks für 10- bis 30-jährige Staatsanleihen) auf mindestens 4 Mrd. USD pro Transaktion zu verdoppeln. Der vorübergehende Rückgang der Renditen verpuffte jedoch rasch, und die Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen (Treasuries) näherten sich erneut dem beunruhigenden Niveau von 4,7 %. Die hohen Zinskosten belasten zusammen mit enttäuschenden Zahlen des Einzelhandelsriesen Walmart die großen Wall-Street-Indizes erheblich. (Quellen: Reuters; CNBC; Axios; Wall Street Journal).
- Europäische Zentralbank zieht die Zügel an, deutsche Renditen auf Rekordkurs. Auf dem alten Kontinent preisen die Geldmärkte (OIS-Kontrakte) fast vollständig ein, dass die EZB ihren Einlagensatz im September auf 2,50 % anheben wird. Zudem steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Zinsen in der Eurozone bis Ende 2027 die Marke von 3,0 % erreichen könnten. Die Auswirkungen sind am Rentenmarkt spürbar: Die Renditen 10-jähriger deutscher Bundesanleihen schwanken um 3,25–3,30 %, was den höchsten Stand seit rund 15 Jahren darstellt. Anleger fürchten ein Stagflationsszenario (Kombination aus schwachem Wirtschaftswachstum und hoher Inflation), das durch steigende Öl- und Gaspreise befeuert wird. (Quellen: Reuters; Trading Economics; Monatsbericht der Deutschen Bundesbank).
- Wall Street hält den Atem an vor Nvidias morgigem Quartalsbericht. Am Mittwoch nach US-Börsenschluss wird Nvidia die Zahlen für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027 vorlegen. Die Erwartungen sind astronomisch: Analysten rechnen mit einem Umsatz von rund 92 Mrd. USD, was einer Verdoppelung im Jahresvergleich gleichkäme. Der Optionsmarkt preist ein, dass der Bericht eine Kursbewegung von etwa 6 % in jede Richtung auslösen könnte. Angesichts der aktuellen Unternehmensgröße entspricht dies einer potenziellen Marktwertveränderung von gigantischen 300–350 Mrd. USD innerhalb eines einzigen Handelstages. (Quellen: Investing.com; TipRanks; MarketBeat).
- Alibaba beschafft sich massives Kapital für Künstliche Intelligenz. Der chinesische Technologiegigant hat die größte Zweitplatzierung von Aktien in der Geschichte der Hongkonger Börse (HKEX) angekündigt. Alibaba plant die Ausgabe von 710 Millionen neuen Aktien, um rund 10,2 Mrd. USD (80 Mrd. HKD) einzunehmen. Der Ausgabepreis wurde mit einem Abschlag von 8,4 % zum letzten Schlusskurs festgelegt, was einen sofortigen Abverkauf und ein Kursminus von 8–10 % in Hongkong zur Folge hatte. Die erlösten Mittel sollen vollständig in den Ausbau von KI-Technologien fließen, einschließlich Chip-Produktion, Recheninfrastruktur und eigener Sprachmodelle. (Quellen: Reuters; Bloomberg; Mitteilung von Alibaba).
Markthintergrund
- UK-Inflation erinnert an anhaltenden Preisdruck. Wie erwartet stieg die britische VPI-Inflationsrate im Juli auf 2,9 % im Jahresvergleich (nach 2,6 % im Juni). Weitaus bedeutsamer ist jedoch die Kerninflationsrate (Core CPI – ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise), die den dritten Monat in Folge bei 2,6 % im Jahresvergleich verharrte. Dies deutet auf einen hartnäckigen, schwer zu dämpfenden Inflationsdruck hin, der vor allem im Dienstleistungssektor und in inländischen Faktoren verwurzelt ist. (Quellen: DailyForex; Trading Economics).
- China hält sich bei Kreditimpulsen weiter zurück. Die People's Bank of China (PBoC) beließ die Referenzzinssätze (Loan Prime Rate, LPR) im August unverändert: bei 3,00 % für einjährige Kredite und 3,50 % für fünfjährige Laufzeiten. Dies ist der 15. Monat in Folge ohne Änderung. Die Entscheidung entsprach dem Marktkonsens und bestätigt, dass Peking vorerst keine breite, direkte geldpolitische Lockerung plant, sondern auf eine selektive Unterstützung von Schlüsselbranchen setzt. (Quellen: Reuters; Investing.com).
Im Fokus
In dieser Woche nimmt der makroökonomische Kalender Fahrt auf. Im Fokus stehen Stimmungsindikatoren, Inflationsdaten sowie Aussagen aus den Zentralbanken.
- 25.08 (10:00 Uhr) – Deutschland: ifo-Geschäftsklimaindex für August. Ein wichtiges Stimmungsbarometer für die deutsche Wirtschaft, das zeigen wird, wie die größte Volkswirtschaft der Eurozone mit den steigenden Energiekosten zurechtkommt.
- 25.08 (16:00 Uhr) – USA: Conference Board Verbrauchervertrauen für August. Liefert frühe Signale zur Konsumnachfrage in Übersee.
- 26.08 (14:30 Uhr) – USA: Veröffentlichung eines umfangreichen Datenpakets: PCE-Kernpreisindex (Personal Consumption Expenditures – das bevorzugte Inflationsmaß der Fed, absolut entscheidend vor Jackson Hole), zweite Schätzung des BIP für das 2. Quartal sowie Daten zu den Auftragseingängen langlebiger Güter.
- 26.08 (nach US-Börsenschluss): Quartalszahlen von Nvidia.
- 27.08 – 29.08 – USA: Jährliches Notenbanker-Symposium in Jackson Hole. Der Schlüsselmoment wird die Rede des neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh am Freitag (28.08., 16:00 Uhr) sein, die mittelfristige Weichenstellungen für die globale Geldpolitik bringen könnte.
- 28.08 (14:30 Uhr) – Kanada: BIP-Bericht für das 2. Quartal. Vor dem Hintergrund des frisch ausgebrochenen Handelskriegs mit den USA gewinnen die Daten zur Verfassung der kanadischen Wirtschaft besondere Bedeutung.
